Rundfunk

20. Oktober 2018 / 14:00

Erich-Kästner-Halle
Humboldtstraße 3
Donaueschingen

Ohne den Rundfunk gäbe es die Neue Musik in ihrer heutigen Form nicht. Gerade die Erfindung und Entwicklung der elektronischen Musik in den Studios der Sendeanstalten gehört zu den Sternstunden eines Mediums, das etwas über seine eigenen Möglichkeiten und Bedingungen herausfinden wollte und sich dazu Institute zur Grundlagenforschung geleistet hat. Die Idee eines sendereigenen, gebührenfinanzierten Max-Planck-Instituts ist heute kaum vorstellbar, so sehr hat sich die Auffassung vom Radio gewandelt, hin zu einem Tagesbegleitmedium.

Im Bereich der elektronischen Musik gibt es seit Jahrzehnten eine rasende technische Entwicklung. Genau so schnell ist das Tempo des Verschwindens. Ältere Werke können oft nicht aufgeführt werden, weil die Technologien fehlen oder nicht mehr funktionieren, oder man weiß schlicht nicht mehr, wie es vor 25 Jahren gemacht wurde. Dadurch, dass immer nur die aktuelle Technologie funktioniert, wird die Klangästhetik immer extrem zeitbezogen. Popmusik kann auf diese Weise exakt datiert werden: durch ein bestimmtes Preset des DX-7 etwa oder ein Software-Tool.

Komponieren heißt auseinandernehmen. In Rundfunk für neun Synthesizer nehme ich historische Klänge, keine historischen Instrumente. Als Instrumentarium werden neun Computer und neun Keyboards verwendet. Die Klänge kommen aus den sechziger und siebziger Jahren: FM-Synthese, Minimoog und Schweineorgel. Die Pioniere sind Gottfried Michael Koenig, Thomas Kessler, John Chowning, Wendy Carlos und Tangerine Dream. Dadurch dass keine Originalinstrumente, sondern am Computer generierte Nachbauten verwendet werden, klingt alles anders als damals. Dafür habe ich immer alle Klänge gleichzeitig zur Verfügung, kann beliebig viele Stimmen abspielen (der Minimoog konnte immer nur einen Ton auf einmal spielen), kann auch die Stimmung frei einstellen und ständig wechseln. Der Klang wird dekonstruiert und neu zusammengebaut. Die Spieler sind übrigens keine Keyboardvirtuosen, sondern Virtuosen im Umgang mit elektronischen Klängen.

Das Stück besteht aus tausenden von Atomen. Die Musik ist analytisch-emphatisch. Sie wird im Labor zusammengesetzt, beim Komponieren habe ich einen weißen Kittel an. Aber ein Konzert ist kein Experiment. In dem Moment, wo ich nicht mehr verstehe, was geschieht, entsteht Kunst. Die Schönheit liegt in der Überforderung.

Enno Poppe

Kompositionsauftrag des Südwestrundfunks, von Wien Modern, Huddersfield Contemporary Music Festival, Philharmonie Luxembourg, Festival d’Automne à Paris, Acht Brücken | Musik für Köln, Deutschlandfunk Kultur und der musica viva des Bayerischen Rundfunks